Zwischen Hühnermobil und Eierhütte

Florian Fabozzi, NWZ

Wie eine Schweizerin im Butjenter Flachland ihr Glück fand

Der Weg in die Landwirtschaft ist für viele vorgezeichnet – sie erben den Hof der Familie und führen ihn bestenfalls fort. Anders ist es bei Sandra Hußmann aus Ruhwarden. Sie ist nicht auf einem Bauernhof groß geworden, wollte aber von klein auf gerne mit Tieren an der frischen Luft arbeiten – bei Wind und Wetter. „Meine Eltern sagten, dafür musst du einen Bauern heiraten“, lacht Hußmann. Das tat die Wahl-Butjenterin inzwischen, aber ihr Weg in die Landwirtschaft begann viel früher – und rund 900 Kilometer weiter südlich.

Von den Alpen an die Nordsee

Hußmann wuchs in der Nähe von Zürich auf. Obwohl sie nur durch ihren Opa Berührungspunkte mit dem Landleben hatte, beschloss sie, in Bern Agrarwissenschaften zu studieren. Sie spielte auch mal mit dem Gedanken Tierärztin zu werden, „aber bei Operationen wird mir schwarz vor Augen“, sagt sie. Im Rahmen eines Praktikums in Neuseeland lernte sie bald den Norddeutschen Timo kennen, der damals schon Landwirtschaftsmeister war, und verliebte sich. „Die Liebe führte mich dann 2018 in den Norden“, so Hußmann.

Bereuen tut sie es nicht: „Hier ist es nicht so dicht und eng, man hat die Nordsee und kann unendlich weit in die Ferne schauen“, sagt sie. Das landschaftliche Kontrastprogramm zur Heimat. Hier arbeitete sie zunächst unter anderem im Grünlandzentrum in Ovelgönne und in Teilzeit auf dem Hof in Ruhwarden, der damals noch von Timo Hußmanns Tante und Onkel betrieben wurde. Nach dem Tod der Tante übernahmen Timo und Sandra im Mai des vergangenen Jahres ebenjenen Betrieb.

Haltung im Hühnermobil

Wenn die 330 Hühner auf dem Hof die Wiese abgegrast haben, muss Sandra Hußmann heute nicht lange überlegen. Sie setzt das Hühnermobil an den Trecker und fährt die Tiere einfach auf die nächste grüne Fläche. Der mobile Hühnerstall ist das Herzstück auf dem Hof. Mit ihm können die Tiere immer wieder auf frische Auslauffläche geführt werden. „Darüber freuen sie sich“, sagt Hußmann. Diese artgerechte Haltungsform war dem Paar damals eine fünfstellige Summe wert. So viel kostet ein herkömmliches Hühnermobil.

Auf dem Hof tummeln sich auch 160 Milchkühe, etwa noch einmal so viele Rinder und Kälber sowie sieben Mausefänger auf Samtpfoten. Für zusätzlichen Trubel sorgen die beiden Töchter Jana (ein halbes Jahr) und Elena (vier). Im Betrieb helfen auch Timos Onkel, ein bis zwei Aushilfen und gelegentlich Auszubildende. „Für dieses Jahr haben wir keinen bekommen, aber unsere Türen sind weiterhin offen.“

Eierhütte bei Touristen beliebt

„Die Hühner sind ein Hobby für uns. Von 300 Hühnern kann man aber leider nicht leben“, sagt Hußmann. Der Hof ist daher vor allem ein Milchviehbetrieb. Ihre Abnehmer sind die Ammerländer Molkerei, die alle zwei Tage die Milch abholt. Ortsbekannt ist der Hof dennoch für seine Eier. In der Butjadinger Straße betreibt Sandra Hußmann eine Eierhütte. Jeden Tag sortiert sie dort 300 frisch gelegte Eier ein. Der Betrieb funktioniert mit Selbstbedienung per Vertrauenskasse. Gerade in der Sommersaison und um die Feiertage herum gehen die Eier weg „wie warme Semmeln“. Hußmann: „Vor allem die Camper und die Besucher vom Center Parcs bedienen sich.“ Übrig gebliebene Eier gehen direkt an den Markant-Markt in Tossens.

Sehr gefragt im Winter sind dagegen die Suppenhühner, die Hußmann auf Bestellung verkauft, nachdem eine Schlachtung ansteht. 15 bis 16 Monate legen die Hühner bei den Hußmanns ihre Eier, bevor sie geschlachtet werden. Um den Tieren einen stressigen Transport zum Schlachthof zu ersparen, setzt Hußmann auf ein Schlachtmobil.

Bürokratie und die schönen Dinge

Der Arbeitstag beginnt für Sandra Hußmann früh am Morgen und endet erst gegen 19 Uhr. Tierkontrolle, Kälberfütterung, Eier verpacken – es gibt genug zu tun. Für das Melken setzt sie seit Oktober auf Roboter, doch ein Auge darauf muss sie trotzdem haben. Wenn Tochter Elena in der Kita ist, steht Büroarbeit auf der Tagesordnung. Die Bürokratie ist nicht ohne. „Früher hatten Landwirte eine Schublade im Küchentisch, heute habe ich zwei Aktenschränke voll mit Ordner“, sagt Hußmann. So müssen etwa die Düngemaßnahmen aufgezeichnet werden – wann, wo, wie viel und von welcher Sorte. „Das nimmt viel Zeit in Anspruch.“

Doch Hußmann denkt lieber an die schönen Facetten ihres Alltags, denn davon gibt es viele. „Ich freue mich, wenn die Kühe nach dem Winter das erste Mal wieder auf die Weide dürfen oder wenn die Hühner wieder frisches Gras vor sich haben“, sagt Hußmann. „Schön sind auch die Geburten der Kälber – der Moment, wenn neues Leben entsteht.“

Pflege des Kulurlandes

Hußmann ist stolz darauf, dass sie den Hof vergrößert und das Tierkomfort dabei im Blick behalten haben. „Viele Menschen von außen sehen nicht, was man für ein wirtschaftliches Risiko eingeht, wenn man als junge Menschen so einen Betrieb übernimmt.“ Hußmann sieht die Bedeutung der Landwirtschaft nicht allein in der Produktion von Lebensmitteln. Auch das Grünland müsse gepflegt und erhalten werden. „Denn es ist ein großer CO2-Speicher und bietet viel Lebensraum für kleine Tiere.“

Nach oben scrollen