Rieke Töllner aus Elsfleth

Florian Fabozzi NWZ

Vom Reisebüro zurück in den Kuhstall

Manches lernt man erst richtig zu schätzen, wenn es nicht mehr da ist. So erging es der Landwirtin Rieke Töllner aus Elsfleth. Aufgewachsen mit Kühen auf dem elterlichen Hof, suchte sie nach der Schule ihr Glück im Tourismusbereich, erkannte aber bald, dass sie sich ein Leben ohne Bauernhof auf Dauer nicht vorstellen kann. Mittlerweile hat sie mit Partner Jan-Eike den Hof von ihrem Vater übernommen und ist nun für 200 Kühe und 180 Hektar Land zuständig.

Ausbildung im Reisebüro

„Früher war der Hof immer wie selbstverständlich da und deswegen nie ein beruflicher Wunsch von mir“, sagt Töllner rückblickend. Immerhin haben auch die Schwestern und Freunde nach etwas anderem gesucht. Also tat Töllner es ihnen gleich und startete eine Ausbildung als Tourismuskauffrau bei einem Reisebüro in Brake. Eine interessante Erfahrung, wie sie heute sagt. „Wir waren eine tolle Gemeinschaft.“

Zum Ende der Ausbildung häuften sich aber die Zweifel daran, ob der Lebensstil zu ihr passe. Die Wohnung in Oldenbrok sei toll gewesen, „aber das Wohnen in der Siedlung und das tägliche Sitzen im Büro sind nicht das Leben, das ich führen wollte“, sagt sie. Obwohl Töllner auch während der Ausbildung zu Hause mithalf, vermisste sie die Tagesabläufe auf dem Hof.

Hofzukunft stand auf dem Spiel

Vor allem aber dachte sie auch an die Familienplanung. „Für mich war klar, dass ich früh Kinder haben möchte“, erinnert sie sich. „Und mit dem Gedanken, Kinder außerhalb des Bauernhoflebens zu bekommen, konnte ich mich nicht anfreunden.“ Schließlich ging es um die Zukunft des Betriebes: Der Vater wollte diesen einmal verkaufen, und dann hätte es keinen Weg mehr zurück gegeben. „Ich wollte nicht bereuen, die Übernahme des Hofes nicht zumindest in Betracht gezogen zu haben“, so die 30-Jährige.

Sie startete also eine weitere Ausbildung zur Landwirtin mit der Absicht, die Branche von außen kennenzulernen und eine bessere Entscheidung für den Hof treffen zu können. Im Reisebüro arbeitete sie erst weiter, vornehmlich an Wochenenden. „Ich sagte meinem Chef, ich würde bald richtig zurückkehren. Aber irgendwann war klar: Das wird nicht passieren.“

Der Weg zur Meisterin

Während der Ausbildung merkte Töllner nämlich endgültig, dass sie in die Landwirtschaft einsteigen möchte. Es folgte ein Jahr an einer Fachschule in Oldenburg und ein zweijähriger Meisterkurs bei der Landwirtschaftskammer. Obwohl sie auf dem Hof groß geworden ist, musste sie alles von Grund auf neu lernen: von Tiergesundheit über Tierkontrolle und Herdenmanagement bis hin zu Pflanzenbau. In der Fachschule standen auch Wirtschaft, Unternehmens- und Mitarbeiterführung im Fokus.

In der Meisterprüfung lag ihr Schwerpunkt auf künstlichen Besamungen und digitalen Herdenmanagementsysteme. Dinge, die sie später auf dem Familien-Hof umsetzte. Diesen übernahm sie 2024. „Papa war sehr glücklich darüber. Er wäre einverstanden gewesen, den Hof zu verkaufen, aber es wäre ihm sicher nicht leichtgefallen.“ Präsent sind die Eltern ohnehin bis heute. Sie helfen beim Melken oder bei der Betreuung ihrer zwei Söhne – denn Töllner hat sich ihren Familientraum inzwischen erfüllt.

Der Hof im Wandel

Neben ganz viel Glück bedeuten die Kinder aber auch viel Verantwortung. Nicht mehr den ganzen Tag lang im Stall sein zu können, bedauert Töllner am meisten. Zumindest die Außenwirtschaft übernehmen heute Partner Jan-Eike und Aushilfskräfte. Landwirtschaft und Privatleben zu vereinbaren, sei manchmal schwierig, weil die Grenzen fließend sind. „Aber gleichzeitig ist das auch schön, wenn alle mit anpacken und wir immer zusammen sind.“ Töllner schätzt das selbstorganisierte Arbeiten an der frischen Luft, vor allem zwischen den Kühen. „Mir macht es auch Freude, dass jeder Tag trotz aller Abläufe unberechenbar bleibt.“

Obwohl sie erst seit zwei Jahren Verantwortung trägt, hat die Elsfletherin schon viel auf die Beine gestellt. „Wir haben seither fast 2000 Liter mehr Milchleistung pro Kuh und Jahr“, sagt sie stolz. Sie investierte zudem in die Klauengesundheit der Kühe, in mehr Kuhkomfort und Technik. Dringend nötig waren auch Ventilatoren. „Bei den letzten Hitzewellen machte ich mir Sorgen um die Tiere.“ Das ist noch nicht alles. Das nächste Projekt, ein neuer Rinderstall, ist bereits in Planung und soll irgendwann die Jungviehaufzucht auf dem Betrieb optimieren.

Tourismus-Erfahrung nicht umsonst gewesen

Dass Töllner den Hof so gut im Griff hat, verdankt sie rückblickend auch der Tourismus-Ausbildung. „Das Kaufmännische kommt mir jeden Tag zugute. Eine Landwirtschaft ist eben auch ein Unternehmen mit Büroarbeit und erfordert wirtschaftliches Denken“, sagt sie. Insofern habe die verzögerte Berufsfindung ihr Gutes gehabt. Ein wenig vermisse sie es gar, ihre alten Kollegen zu haben, doch andererseits ist sie froh, dass die Familie immer an ihrer Seite ist. „Das, was ich heute habe, habe ich viel zu lange nicht richtig wertgeschätzt.“

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