Landwirtin aus Seefeld
Florian Fabozzi NWZ
Für Ann-Christin Mahlstede fühlt sich Trecker-Fahren wie Urlaub an
Ann-Christin Mahlstede war erst 12 Jahre, als Papa Hergen sie auf dem heimischen Bauernhof das erste Mal auf einen Trecker setzte. Das hinterließ Eindruck. „Trecker zu fahren, ist wie Urlaub für mich“, sagt die heute 28-Jährige. Während andere im Sommer an den Strand fahren, fühlt sie sich auf vier Rädern inmitten von Feldern und Wiesen am wohlsten.
Dabei ist sie selten nur an einem Ort. Mahlstede arbeitet für ein Lohnunternehmen und hilft auf verschiedenen Höfen in der Region aus. Gleichzeitig betreibt sie mit ihrem Vater einen Milchviehbetrieb in Seefeld. Dort geht sie ihrer zweiten Liebe nach: der Arbeit mit Kühen.
Erste Erfahrungen
Daran, dass ihre Zukunft in der Landwirtschaft liegen würde, zweifelte Mahlstede nur kurz. „Nach dem Realschulabschluss dachte ich darüber nach, Bürokauffrau zu werden“, sagt sie. „Aber nach einigen Praktika merkte ich: Das Büro ist nichts für mich.“ Also machte sie eine Ausbildung zur Landwirtin und besuchte die Fachschule. Bevor sie im Familien-Hof tätig wird, wollte der Vater, dass sie woanders Erfahrungen sammelte. So fand Mahlstede ihr Glück beim Lohnunternehmen Stühmer.
Dort kann sie regelmäßig ihrer Leidenschaft für Maschinen nachgehen – bei Erntearbeiten und im Ackerbau. Sie fährt unter anderem Ladewagen, Häckselwagen und Grubber und arbeitet dabei auf immer neuen Höfen. Langweilig wird es nie und so ein Tag kann je nach Auftrag ganz schön lang gehen. „Es bereitet mir aber viel Spaß und ich knüpfe viele Kontakte“, sagt sie.
Gegen das Rollenbild
Eine Frau auf einem Trecker – das sorgte ab und an für überraschte Blicke. Herablassung erfuhr sie aber nie. Außer einmal, als der Seniorchef eines Betriebs klagte, die Unternehmen hätten wohl keine Fahrer mehr und müssten nun Bürohilfen schicken. „Zum Glück sind die Rollenbilder nicht mehr so starr“, sagt Mahlstede. Zumal es bei Stühmer eine Juniorchefin gibt.
Ihre Erfahrungen bei der Lohnarbeit kommen auch dem eigenen Hof zugute. So kann sie sich von anderen Landwirten Tipps für den Familienbetrieb abschauen. „Früher haben wir die Silageernte mit Ladewagen gemacht, seit vier Jahren häckseln wir“, sagt sie beispielhaft.
Mahlstede ist heute nicht mehr fest bei Stühmer angestellt, arbeitet aber weiter als Aushilfskraft. Stück für Stück möchte sie mehr Aufgaben zu Hause übernehmen, um mal vollständig in die Fußstapfen des Vaters treten zu können. „Die Arbeit zu Hause und die Lohnarbeit unter einem Hut zu bekommen, ist manchmal stressig“, sagt sie. „Aber der eigene Betrieb geht vor.“
Die Maisernte
Das war vor kurzem bei der Maisernte der Fall. Gelegt wird der Mais immer Ende April, geerntet wird im September. Hierbei bekommen die Mahlstedes ihrerseits Unterstützung von Stühmer. „Mais braucht einen warmen Boden und viel Wasser“, sagt Mahlstede. Der Boden in der Wesermarsch ist Fluch und Segen zugleich: Er speichert viel Wasser, ist aber oft so feucht und matschig, dass es schwierig ist, den Mais trocken herunterzubekommen. „Schlimmstenfalls kommst du mit dem Trecker nicht auf die Flächen, der Dreck bleibt an den Rädern kleben und wird auf den Straßen verteilt“, sagt die Seefelderin. „Das müssen wir dann sauber machen.“
Dieses Jahr sei die Ernte sehr zufriedenstellend gewesen, sagt Mahlstede, die vom Mais überzeugt ist. „Es ist eine große Energiequelle für die Tiere“, sagt sie. Die Ergebnisse sprechen dafür: Ihre Kühe produzieren 37 Liter Milch pro Tag – mehr als der Durchschnitt. „Nur glückliche und gesunde Kühe geben viel Milch“, sagt sie.
Jede Kuh trägt einen Namen
Mahlstede freut das besonders, denn sie hat auf dem Hof das Herdenmanagement übernommen und pflegt ein enges Verhältnis zu den rund 120 Milchkühen und 90 Jungtieren. „Wenn ich morgens durch den Stall gehe, halte ich gerne bei meinen Lieblingskühen und kraule sie.“ Während Kühe auf vielen Betrieben nur Nummern tragen, hat Mahlstede allen ihrer Kühe Namen gegeben: Lavendel, Miranda, Grace, Alegra oder auch Leona. „Auswendig weiß ich aber nicht alle“, gesteht sie. Als Herdenmanagerin betreut Mahlstede das Melken durch den Melkroboter, kontrolliert Milchmenge und -qualität, kümmert sich um auffällige und kranke Tiere und versorgt Kühe rund um die Geburt.
Ihr Vater, der mit 59 Jahren längst noch nicht ans Aufhören denkt, hält ihr jederzeit den Rücken frei. Auch Partner Florian und Mutter Claudia helfen. Florian ist passenderweise Landmaschinenmechaniker. Claudia hilft beim Füttern der Kälber und übernimmt Teile der Büroarbeit.
Flächen sollen planiert werden
Hergen und Claudia Mahlstede bauen derzeit ein Haus. Ann-Christins Partner soll dann zum Hof ziehen und es wäre genug Platz für Kinder. Zukunftspläne gibt es auch für den Hof selbst: Mahlstede möchte mehr Platz für die Silos und Silowände. Außerdem ist da ja noch der feuchte Boden. „Wir möchten die Flächen planieren, um das Wasser in die Gräben umzulenken.“
Ann-Christin Mahlstede hat sich früh entschieden nicht nur Landwirtin zu werden, sondern sich durch Rollenbilder nichts vorschreiben zu lassen. So ermutigt sie auch andere Frauen, die gerne auf Treckern sitzen, ihrer Leidenschaft zu folgen. „Kommentare kann es mal geben, aber da muss man drüberstehen“, sagt sie. „Ich habe mich durchgebissen und bin sehr froh, das gemacht zu haben.“

