Hanna Strodthoff-Schneider aus Schweiburg

Florian Fabozzi, NWZ

Mit Sensoren und dem richtigen Gespür – Wie diese Tierärztin Kuhherden gesund hält

Prävention statt Reaktion – Nicht nur für Menschen ist das die Devise, wenn es um das Thema Gesundheit geht. Auch bei Kühen lassen sich Vorkehrungen treffen. Eine Fachfrau auf dem Gebiet ist Hanna Strodthoff-Schneider aus Schweiburg. Sie ist Tierärztin im Unternehmen Agropax und dort in der Bestandsbetreuung tätig. Im Rhythmus von vier bis acht Wochen besucht sie Höfe in der Wesermarsch, im Ammerland und in Cuxhaven und schaut nach dem Wohl der Kühe und Kälber.

20 bis 30 Betriebe betreut Strodthoff-Schneider. „Je früher man Auffälligkeiten bei den Tieren findet, desto besser sind die Prognosen,“ sagt sie. Einen Schwerpunkt hat sie außerdem in der Kälbergesundheit. Dort reichen ihre Kunden gar bis nach Schleswig-Holstein. „Je gesünder man die Kälber aufzieht, desto besser werden sie als Milchkuh.“

Kühe ließen sie nicht mehr los

Strodthoff-Schneider wuchs im Emsland auf einem Betrieb mit Bullen- und Schweinemast auf. Angetan hatten es ihr aber schon immer die Kühe. „Bis 2006 hatten wir selbst noch welche. Die ließen mich einfach nicht mehr los“, schwärmt sie. Vor allem medizinische Zusammenhänge interessierten sie. „Wenn früher der Tierarzt bei uns zu Hause war, bin ich immer mitgelaufen.“ So studierte sie bald Tiermedizin in Hannover und suchte sich Praktika, bei denen sie mit Kühen arbeiten konnte. 2015 begann sie bei der Rinderpraxis Agropax. „Mich überzeugte es, dass dort nicht nur Heilung, sondern die komplette Beratung im Mittelpunkt steht.“

Zwei Jahre lang arbeitete sie im kurativen Bereich, befasste sich unter anderem mit Trächtigkeitsuntersuchungen. Dann ging es in die Bestandsbetreuung. Wenn Strodthoff-Schneider Betriebe aufsucht, geht sie erst durch die Herde und schaut sich das Futter an. Dann sammelt sie mit den Betriebsleitern gesundheitliche Kennzahlen; Wie viele Kalbungen es gab und wie viele Tiere Probleme nach der Kalbung hatten. Außerdem werden Milchmenge und -inhaltsstoffe geprüft und Maßnahmen besprochen. „Oft ist die Futterration der entscheidende Hebel“, sagt sie.

Sensoren erkennen Abweichungen

Strodthoff-Schneider und ihre Kollegen können seit einigen Jahren auf Daten von Ohr-Sensoren zurückgreifen. Diese erfassen das Bewegungs-, Fress- und Wiederkäuverhalten der Kuh und erkennen schon leichte Abweichungen von der Norm. Abweichungen werden in der App angezeigt und können frühzeitig auf Krankheiten hinweisen. „Außerdem reduzieren wir so den Einsatz von Antibiotika.“

Eine typische Krankheit ist die Pansenübersäuerung, die durch zu viel Kraftfutter entstehen kann. Deshalb kommt es auf die richtige Mischung aus Grundfutter wie Mais- und Grassilage und Kraftfutter wie Getreide oder Eiweißfuttermitteln an. „Kühe sortieren gerne das Kraftfutter aus dem Grundfutter, deswegen muss man die Nahrung so fein mischen, wie es geht.“ Dank der Ohrsensor-Technik lassen sich die Fresszeiten und die Futteraufnahme gegenüberstellen. So wird deutlich, ob die Herde „effizient“ frisst oder ob viel „rumsortiert“ wird.

Krankheiten und Todesurteile

Das Krankheitsrisiko ist kurz nach der Kalbung am größten: 5 bis 7 Prozent der Kühe erkranken dann. Verbreitet ist Milchfieber, bei dem die Freisetzung von Kalzium gestört ist. „Dagegen helfen speziell angesäuerte Rationen.“ Bei der Eutergesundheit kommt es hingegen auf die Qualität der Liegeboxen an, darauf, dass sie trocken und gut eingestreut sind.

Aller Akribie zum Trotz sind nicht alle Tiere zu retten. Das zeigte nicht zuletzt die Blauzungen-Krankheit. „Auch ein gebrochenes Bein ist bei Kühen oft ein Todesurteil“, sagt sie. Dazu kann es vor allem während der Brunst kommen, wenn sie unruhig sind und andere Tiere bespringen. Mit ihrem Mann Fiete, den sie durch die Arbeit kennenlernte, betreibt Strodthoff-Schneider selbst auch einen Milchviehbetrieb mit rund 450 Kühen. Die Vorsorge für die eigene Herde übernimmt sie aber nicht. „Dafür bin ich zu betriebsblind.“ Bei akuten Problemen ist sie trotzdem zur Stelle.

Was eine zufriedene Kuh braucht

Durch ihre Arbeit hat sich ihr Blick auf Kühe verändert. „Ich habe viel über Maßnahmen zum Tierwohl gelernt“, sagt sie. Diese kann sie für den eigenen Familienhof nutzen. Große Ställe mit viel Luftvolumen und Tiefliegeboxen, breite Laufgänge und vor allem Ventilatoren kommen den Tieren zugute.

Die Stallhaltung der Kuh kennt auch Kritiker. Diese neigten dazu, menschliche Bedürfnisse auf Kühe zu übertragen. „Dabei lieben Kühe die Langeweile“, betont Strodthoff-Schneider. Beständigkeit und Ruhe seien wichtig. Auch deshalb kommen zunehmend Roboter zum Einsatz, etwa zum Anschieben des Futters: Sie arbeiten ruhig, folgen festen Abläufen. Doch auch auf den Menschen und das Miteinander auf dem Hof komme es an. „Ruhige Betriebsleiter haben häufig auch ruhige Herden“, sagt sie.

Die schönsten Seiten des Berufs

„Was mich antreibt, ist die Erkenntnis, dass Betriebe immer besser werden, die Krankenzahlen sich halbieren und die Milchleistung um 3, 4 Kilo steigt. Dann weiß ich, dass ich was erreicht habe“, erzählt Strodthoff-Schneider. Das Schönste an dem Job sei aber, wenn Schwergeburten gut ausgehen. „Wenn wir trotz Widrigkeiten ein lebendes Kalb herausziehen. Das ist ein Gefühl, das nie zur Routine wird.“

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