Deichschäferin aus Butjadingen

Florian Fabozzi NWZ

Mehr als tausend Hufe für einen stabilen Deich

Wenn sie wollte, könnte Anna Haats-Voltjes sich als Geschäftsführerin eines Großunternehmens bezeichnen. Schließlich hat sie mehrere Hundert Angestellte, die unermüdlich ihre Arbeit verrichten. Und dafür verlangen sie nicht mal ein monatliches Gehalt. Ihnen genügen saftiges Gras, Wasser und ganz viel Platz. Denn ihre „Angestellten“ sind Schafe.

550 Muttertiere und aktuell rund 1000 Lämmer betreut die gebürtige Ostfriesin mit ihrem Mann und zwei Hütehunden in der Deichschäferei Feldhausen. Das Paar hat 126 Hektar gepachtet, davon 72 Hektar am Deich. Die Tiere sind nicht nur nett anzusehen – sie leisten auch einen wichtigen Beitrag zum Deichschutz. Durch ihr Treten sorgen sie für eine dichte, widerstandsfähige Grasnarbe und halten den Deich auch bei Unwetter stabil. „Das ist wichtiger denn je, da sich Starkwetterereignisse häufen“, sagt Haats-Voltjes.

Aufgewachsen auf einem Milchviehbetrieb

Schäferin zu werden, hätte sie sich vor einigen Jahren nicht vorstellen können. Am elterlichen Hof gab es Kühe, sie selbst machte den Meister als Landwirtin und arbeitete als Herdenmanagerin. Da ihr Bruder den Familien-Hof übernahm, schlug sie mit ihrem Partner einen anderen Weg ein. „Irgendwann bekam er den Hinweis von Bekannten, dass wir uns auf die Pacht der Deichschäferei bewerben könnten“, erinnert sich Haats-Voltjes, denn die Vorpächter gingen nach 43 Jahren in den Ruhestand. Sie selbst war sich unsicher: „Ich wollte nicht so weit von zuhause weg.“

Ein Besuch vor Ort und einigen Abwägungen später bewarben sie sich doch – und erhielten die Zusage. Das war vor drei Jahren. „Einen Hof zu kaufen, wäre viel riskanter gewesen“, begründete Haats-Voltjes die Entscheidung. Heute ist sie überzeugt, dass es die richtige war. „Wenn man die Schafe das erste Mal an den Deich bringt, die dort rauf und runter laufen, sich Wettrennen liefern. Das kann man sich stundenlang anschauen“, schwärmt sie.Mehr als tausend Hufe für einen stabilen Deich

Lammzeit im März

Die erste Zeit war aber nicht ohne. Mit Betriebsführung kannte sich Haats-Voltjes aus, „aber Schafe haben andere Bedürfnisse als Kühe“, sagt sie. Anfangs gehorchten die Vierbeiner noch nicht immer, sie mussten sich an ihre neuen Menschen gewöhnen. Das Besondere an dem Leben mit Schafen ist der Jahreszyklus. „Hier dreht sich das Leben alle paar Monate komplett.“

Anfang des Jahres sind alle Schafe draußen, sofern es das Wetter erlaubt. Der Schafscherer schert die trächtigen Mutterschafe, dann geht’s in den Stall. Dort beginnt Ende Februar die Lammzeit. Im März kommen täglich Lämmer zur Welt. Haats-Voltjes und ihr Mann überwachen die Geburten, leisten bei Bedarf Hilfe. Nach der Geburt kommen Mutter und Lamm kurzzeitig in Ablammboxen, „um sich kennenzulernen und eine Verbindung zu schaffen“. Ende März sind die meisten Lämmer auf der Welt und dürfen nun nach und nach an den Deich. „Dann zählt: Geht’s allen gut und finden alle ihre Mama wieder?“

Hofladen & Grassilage

Sobald die Lämmer draußen sind und sich fleißig dem Deichschutz widmen, beginnt die Osterzeit und damit die Touristensaison. Dann kümmert sich Haats-Voltjes auch um das Melkhus und den Hofladen. Dort gibt es etwa Lammsalami, Schafskäse, Bettwäsche gefüllt mit Schafwolle oder auch Hausschuhe. Viele Stammgäste kommen aus Nordrhein-Westfalen, darunter zahlreiche Camper.

Ab Mai bereitet Haats-Voltjes die Grassilage für den Winter vor, im August werden die Lämmer abgesetzt und einige für den Verkauf ausgewählt. Andere bekommen ihren Klauenschnitt und werden dann im Herbst für die Deckzeit mit den rund 50 Böcken zusammengestellt. Flaschenlämmer, die ohne Mutter aufwachsen, versorgt Haats-Voltjes nebenbei im Stall.

Die Winterweide

Im Oktober sind die Tiere auf der Winterweide – eine besonders anspruchsvolle Zeit. Sie dürfen sich dann auch auf den Weiden benachbarter Landwirte aufhalten, um dort nachzuweiden, wenn die Kühe und Pferde längst in den Ställen sind. „Die Schafe sind in mehreren Gruppen eingezäunt. Damit sie immer frisches Gras vor sich haben, müssen die Zäune regelmäßig umgesteckt werden.“

Sind die Schafe im Winter trächtig, gut genährt und voller Wolle, muss Haats-Voltjes manchmal „Erste Hilfe“ leisten. „Wenn den Schafen der Rücken juckt, rollen sie sich auf den Boden, aber kommen dann nicht mehr hoch.“ Für die Tiere kann das lebensgefährlich sein, da das Gewicht auf die Organe drückt.

Mit Klischees aufräumen

Viele Touristen halten dieses „Umdrehen der Schafe“ für einen Witz oder Mythos. Neben überraschenden Wahrheiten gebe es aber auch viele verbreitete Unwahrheiten. Bei ihren wöchentlichen Führungen räumt Haats-Voltjes mit solchen Klischees auf. Dass Schafe mit Antibiotika vollgepumpt würden, sei so ein Beispiel. Oder dass sie im Winter frieren würden. Manche kritisieren, die Schafe hätten am Deich nichts zu trinken. „Dabei übersehen sie die Tränkebecken“, so die 30-Jährige.

Kritische Fragen seien kein Problem – im Gegenteil. „Wir müssen mehr miteinander reden statt übereinander“, sagt Haats-Voltjes. Gerade bei der Tierhaltung gebe es viel negative Berichterstattung. „Natürlich kann ich die Welt damit nicht retten, aber man erreicht schon ein bisschen“, sagt sie. „Wenn die Kritiker einer Frau gegenüberstehen, die ihre Sache mit viel Herzblut macht, sehen sie: Landwirte sind nicht böse.“

Rücksichtslose Hundebesitzer

Böse wird Haats-Voltjes nur, wenn sich Menschen am Deich nicht an die Regeln halten. Auf den eingezäunten Deichen gilt ein gut sichtbares Hundeverbot, an das sich aber nicht alle halten. „Die Schafe sehen die Hunde, sind irritiert und wissen nicht wohin.“ Es komme vor, dass Hunde sich losreißen und Schafe verletzen. Das kann zur Folge haben, dass Tiere Angst vor den Hütehunden bekommen. „Das macht unsere Arbeit unnötig schwer.“

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