Bauernhofpädagogik in Ovelgönne
Florian Fabozzi, NWZ
Ulrike Witting macht den Hof zum Lernort für alle Sinne
Warum werden die Kälber so schnell von der Mama getrennt? Und hat jedes Kalb einen eigenen Namen? Was ist Stroh und was ist Heu? Ulrike Witting kennt solche Fragen zur Genüge. Sie bietet auf dem Familienhof in Oldenbrok Bauernhofpädagogik an und zeigt Kindern, wie Landwirtschaft wirklich aussieht.
Viele Kinder kennen den Hof der Wittings durch die Ferienbetreuung. Seit sechs Jahren heißt Witting unter dem Titel „Tierisch was los! Ein Tag als Nachwuchs-Bauer“ neugierige Kinder willkommen. Bis zu 40 Anmeldungen erhält sie oft – obwohl nur Platz für zwölf bis 15 Kindern ist.
„Kuhles mit Uli“
Auch wegen des großen Interesses baut Wittig die Bauernhofpädagogik aus und möchte häufiger Rundgänge anbieten. Zum August dieses Jahres hat sie sich selbstständig gemacht. „Kuhles mit Uli“ heißt ihr neues Programm. „Ich sehe, wie schön meine Kinder hier aufwachsen und möchte andere Kinder an dem Gefühl teilhaben lassen“, sagt Witting. Gleichzeitig möchte sie den Kindern vermitteln, was für eine Verantwortung es ist, so einen Hof am Laufen zu halten – schließlich leben hier 180 Kühe, 150 Kälber, zwei Pferde und drei Schafe. Das Angebot richtet sich an alle Altersgruppen. Kindergarten- und Vorschulkinder sowie Grundschüler kommen, zuletzt waren Jugendliche von der Naturschutzjugend da. Künftig will Witting auch Termine für Erwachsene anbieten. Noch läuft alles auf Nachfrage. „Irgendwann biete ich auch feste Termine an, aber noch bin ich in der Testphase.“
Einführung mit Strichmännchen und Figuren
Bei Witting ist kein Rundgang wie der andere, doch der Startpunkt ist immer die vordere Ecke der Kuhscheune, in der sie ein Whiteboard aufgebaut hat. „Hier habe ich meinen eigenen, kleinen Bereich“, sagt sie. Denn betrieben wird der Hof eigentlich von ihrem Bruder Renke und Vater Meindert. Sie und Mutter Antje kümmern sich vor allem um die drei K’s: Kühe, Kälber und Kinder.
Anhand von fröhlichen Strichmännchen stellt sie die Familie und Hilfsarbeiter vor, damit die Kinder wissen, wem sie auf dem Rundgang alles begegnen können. Zur Familie gehört auch die Schwester Tomma, die auf dem Hof Eis herstellt (Die NWZ berichtete). Dann holt Witting eine Kiste mit kleinen Figuren hervor: Kühe, Trecker, eine Schubkarre. Die Kinder dürfen eine Figur auswählen „und ich erzähle dann zu allen eine Geschichte“, so Witting. Ein Gegenstand passt aber nicht in die Reihe: ein Elefant. Das sorgt für Heiterkeit. „Ich kann dann erklären: Wir sind kein Zoo, sondern eine Produktionsstätte.“ Diese Einführung dient dazu, die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen.
Ausprobieren erwünscht
Bei allen Stationen gilt: Ausprobieren ist ausdrücklich erlaubt. „Wenn ich den Kindern nur etwas zeige, bleibt nicht so viel hängen“, sagt Witting. Die Kinder dürfen Futter für die Kühe anschieben, Stroh einstreuen oder Kälber füttern. Sie lernen den Unterschied zwischen Heu und Stroh und erfahren, wann die Kühe auf die Weide dürfen. Wenn gerade die Fütterungszeit ansteht, können sie bei der Rationierung mithelfen und einen Blick in den Mischwagen werfen. Die Fahrzeuge in der Maschinenhalle stehen vor allen bei den Jungen hoch im Kurs. Die Schwader, Hoflader und vor allem die Trecker. „Sie dürfen alles anfassen und ich erkläre ihnen die Funktionen.“
Bei allen Freiheiten legt Witting auch ein paar Grundregeln fest: „Nirgends raufklettern, langsam und leise verhalten und lieb sein zu den Kühen“, zählt sie auf. Wer schon ein Handy hat, darf das gerne in der Tasche lassen, wenn sie etwas erklärt. Bei allen beliebt sind die Kälber. Diese tragen Nummern, doch die Kinder geben ihnen lieber Namen. „Und ich muss mir die dann immer merken, falls ein Kind am Ende nochmal nach dem Tier fragt“, sagt Witting und lacht. Ganz „heiß“ sind die Kinder aufs Melken – aber nur, bis sie am Melkstand stehen. „So groß hab ich mir die Euter nicht vorgestellt“, heiße es dann oft. „Die haben viel Respekt davor, und wollen nicht mehr
Politisches Engagement
Angepackt wird dann aber das Eis, frisch zubereitet auf dem Hof. Wenn die Eltern kommen, um die Kinder abzuholen, heißt es dann oft: „Kann ich Mama nochmal was zeigen?“, und dann geht es nochmal auf den Hof. Für Witting ist das eine große Bestätigung. „Viele wollen nochmal wiederkommen“, sagt sie. Zwei Jungen, die den Hof einst in den Ferien kennenlernten, schauen mit 16 Jahren noch immer privat vorbei. Witting hofft auf einen Nebeneffekt: Vielleicht gewinnt sie durch „Kuhles mit Uli“ auch die eine oder andere Hilfskraft für den Hof.
„Landwirtschaft ist eine Lebenseinstellung“, sagt Witting. Ihr gefalle die Vielfalt und dass kein Tag wie der andere sei. „Bei vielen Aufgaben den Überblick zu behalten und alles zu managen – das liebe ich.“ Was sie dagegen ärgert, sind ständig wechselnde politische Vorgaben. „Die wollen immer mehr Tierwohl und wir versuchen, dem gerecht zu werden. Aber es war noch nie ein Politiker hier im Stall und hat sich ein Bild davon gemacht, wie und ob sich Dinge umsetzen lassen.“ Auch deshalb engagiert sie sich, sitzt für die CDU Ovelgönne im Gemeinderat und hat sich erneut aufstellen lassen. „Die Landwirtschaft ist sonst nicht so oft vertreten“, sagt sie. Ein wichtiges Anliegen lebt Witting selbst schon vor: „Der Bauernhof muss als Lernort etabliert werden.“

